Die Streuobstwiese im Glas
Kurz nach Aschermittwoch war es wieder soweit: Die Hobby-Kelter-Szene gab sich die Ehre beim Apfelweinanstich des OGV Niederhöchstadt. Die nurmehr als „Running Gag“ gestellte Frage „der wievielte Anstich ist es denn?“ wird mittlerweile mit einem „20 oder so“ durchgewunken, und damit lag man dieses Mal goldrichtig! In der Festschrift, die anlässlich des 100-jährigen Jubiläums des Vereins im Jahre 2015 erstellt wurde, steht geschrieben „Am 1. Februar 2007 wurde erstmalig ein ‚Apfelwein-Anstich‘ durchgeführt„. Da auch während der Corona-Phase nicht auf den Anstich verzichtet wurde (man erinnert sich an die legendäre Videokonferenz mit vorab verteilten Apfelweinproben), fand der Anstich dieses Jahr zum exakt 20. Mal statt.
Seit 2007 treffen sich also Apfelwein-Aficionados auf Einladung des OGV, um den neuen Jahrgang zu begutachten. War es zu Beginn eine Veranstaltung mit Fokus auf die lokalen Hobbyisten, zieht der Anstich seit einigen Jahren auch Enthusiasten aus der Ferne an: Von Frankfurt bis Medenbach reichte diesmal die Herkunft der insgesamt 18 Apfelweinproben. Während man sich anderswo nur zu Wettbewerben trifft, wo das Kompetitive im Vordergrund steht, kann man sich beim OGV Apfelwein-Anstich einfach mal auf das Stöffsche selbst und den Menschen dahinter konzentrieren. Es geht um das Kennenlernen, um den Austausch von Kontakten, ums Netzwerken und natürlich um Erfahrungsaustausch. Wie macht man guten Apfelwein? Indem man mit Leuten spricht, die darin Erfahrung haben!
Der Jahrgang 2025 war für viele eine Herausforderung. Vielerorts gab es einen dramatischen Mangel an Äpfeln. Da wurde dann gekeltert was man bekam – eine Sortenauswahl war reiner Luxus. „Vielerorts“ war dem so, aber nicht in Eschborn/ Niederhöchstadt. Hier gab es viele Äpfel unterschiedlichster Sorten, und Dank der vielen Streuobstwiesen auch reichlich Kelteräpfel. Einen Mangel an solchen schmeckt man sofort: keine Säure, flacher Geschmack, wenig Aroma. Wohl dem der Rheinischen Bohnapfel, Boskoop, Trierer Weinapfel, Brettacher, Schafsnase, Gewürzluiken und ähnliche „alte Sorten“ sein Eigen nennen darf. Sie geben dem Stöffsche Tiefe und diese dem Apfelwein so typische Kombination aus Säure und Süße. Richtig ausbalanciert hat man die Streuobstwiese im Glas, der Schoppe duftet frisch, der erste Schluck ist wie ein Biss in einen süßsauren Apfel, nur dass sich der Geschmack viel länger hält und langsam die Kehle runterläuft. Als Sauergespritzter kommt noch ein leichtes Prickeln dazu … na, schon Durst?
Bis man den „perfekten“ Apfelwein im Glas hat braucht es ein paar Versuche – aber was heißt schon „perfekt“? In der Runde der Herstellenden ist man sich grundsätzlich einig: der beste Schoppe steht im eigenen Keller. Da weiß man was man hat, was drin ist, wie er hergestellt wurde, welche Zusätze es gab, wie die Gärung verlief und vor allem: wieviel Arbeit in das Werk geflossen ist. Die Äpfel wollen geerntet, gewaschen, gemaischt und gepresst werden. Das kann man delegieren, also an eine Kelterei übergeben, doch der ehrgeizige Hobbyist möchte alles unter Kontrolle haben. Somit steht man selbst auf der Obstwiese, am Waschzuber, an der Obstmühle und -presse. Ist der Saft erst einmal im Keller hört die Arbeit nicht auf: Regelmäßige Kontrollgänge in den Keller zur Begutachtung des Gärverlaufs sowie der Entnahme von Proben gehören zum Pflichtprogramm. Es soll Kelter:innen geben, die befinden sich in den 10 Wochen vor Weihnachten fast ausschließlich im Keller – so eine Qualitätssicherung, am besten im Freundeskreis, muss ernstgenommen werden 😉
Beim diesjährigen Apfelwein-Anstich konnte man sich wieder davon überzeugen, wie guter Apfelwein schmecken muss. Die vorgestellten Stöffsche waren allesamt ohne Fehlton, ein Umstand der 2007 noch nicht so selbstverständlich war. Das Niveau der Weine dieses Jahr war insgesamt hoch, wobei es natürlich persönliche Präferenzen gab – die Geschmäcker sind zum Glück verschieden. Im späteren Verlauf der Veranstaltung gab es noch einen Apfel-Dessertwein (13,5%) zu verkosten – was wieder einmal beweist, wie vielfältig das Hobby ist.
Der OGV Niederhöchstadt dankt allen Hobby-Kelter:innen für das Engagement, sowie den zahlreichen Besuchern für das Teilen der Apfelwein-Faszination. Wer selbst einmal Apfelwein herstellen möchte, der wende sich vertrauensvoll an den OGV, am besten per Email an apfelwein@ogv-ndh.de.
Nicht von Anfang an, doch seit vielen Jahren wird (wenn es nicht vor lauter Fachsimpelei vergessen wird) ein Gruppenbild der teilnehmenden Kelter:innen erstellt. Einige Gruppenbilder des Anstichs der letzten Jahre finden sich hier.















